Das Exil in Amerika (1940-1950)


Thomas Mann begrüßt seinen Bruder in New York,
am 13.10.1940

Am 10. Okt 1940 trifft der griechische Dampfer Nea Hellas im Hafen von New York ein, wo Thomas Mann wartet, um seinen Bruder in Empfang zu nehmen. Heinrich und Nelly Mann bleiben bis Anfang November bei den Verwandten in Princeton.

Die Einreiseerlaubnis Heinrich Manns ist an einen – durch die Vermittlung des Emergency Rescue Commitees zustande gekommenen – Vertrag mit der Filmgesellschaft Warner Brothers geknüpft. Hoffnungen der Manns an der Ostküste ansässig zu werden zerschlagen sich.

 

Amerikanisches Renommee

„Amerika kennt mich fast so wenig wie ich es kenne“
Heinrich Mann in einem Brief an Wolfgang Bartsch
vom 3. Feb. 1949


H. Mann in Los Angeles


Die Selbststilisierung als gänzlich auf seine private Existenz zurückgeworfenen Menschen im fremden Kalifornien erscheint bei näherer Betrachtung zweifelhaft. Anders als in Frankreich fühlte der Schriftsteller sich allerdings nun tatsächlich exiliert, es blieb ihm jedoch ein reger Kontakt mit Feuchtwanger und Brecht.

Vergleichbares lässt sich auch über die Einschätzung, Heinrich Manns Werk habe in Amerika keine Aufmerksamkeit erfahren, sagen. Publikationen seiner neueren Prosa scheiterten. Der Schriftsteller besaß bis zuletzt in Amerika weder einen mit seinem Bruder noch einen mit seinem früheren Renommee vergleichbaren Bekanntheitsgrad. Er wurde jedoch wiederholt aufgefordert, Vorworte und Beiträge für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben, war Mitherausgeber verschiedener Anthologien und an der Gründung des zweiten Exilverlages Aurora beteiligt.

Mann wurde außerdem „in recognition of his outstanding contribution to contemporary literature” zum Ehrenmitglied der Eugene Field Society gewählt, und sein 75. Geburtstag wurde durch Symposien und Artikel festlich begangen.

 

Finanzielle Schwierigkeiten

Das amerikanische Exil ist für Heinrich Mann durch Geldknappheit gekennzeichnet. Die sowjetischen Tantiemen erreichen ihn nicht mehr. Nachdem sein Vertrag mit Warner ausläuft, ist das Ehepaar weitgehend auf den Verdienst seiner Frau Nelly als Uniformschneiderin und später als Krankenschwester sowie auf monatliche Zuwendungen Thomas Manns durch den European Film Fund angewiesen.


Privates Unglück

1944 begeht seine zweite Frau Nelly Mann in Santa Monica Selbstmord. Heinrich Mann schreibt rückblickend an seinen Freund Félix Bertaux:
„Je le suis absolument depuis la mort de ma femme, advenue le 17 décembre dernier. Je ne vis qu’à demi, et dans une ombre qui s’épaissit. Ma chère compagne a été tout pour moi, le passé vivant, les huit années heureuses de France, ce qui me restait de jeunesse. […] Elle m’a, à la lettre, aidé de ses bras lors de notre fuite à travers les Pyrénées. Plus tard elle m’a soutenu dans la vie difficile de l’exil, du vrai, car en France, ce n’en était pas un. Quand un femme comme celle-là perd enfin courage et finit par renoncer à un devoir devenu trop lourd, jugez de ce qui nous fut destiné. Nous avons payé cher d’être nés où il ne fallait pas.“

„Völlig vereinsamt bin ich seit dem Tod meiner Frau am 17. Dezember vergangenen Jahres. Ich lebe nur halb, in sich verdichtendem Dunkel. Meine teure Gefährtin ist mir alles gewesen, die leibhaftige Vergangenheit, acht glückliche Jahre in Frankreich, und was mir an Jugend geblieben war. [...] Sie hat mich buchstäblich an die Hand genommen bei unserer Flucht durch die Pyrenäen. Später war sie mir ein Halt in dem schwierigen Leben des Exils, des wirklichen, denn in Frankreich war es keines. Wenn solch eine Frau am Ende den Mut verliert und sich schließlich einer allzu schwer gewordenen Aufgabe entzieht, so zeigt Ihnen das, was uns auferlegt war. Wir haben teuer dafür bezahlt, am verkehrten Ort geboren zu sein.“
(Brief Heinrich Manns an Félix Bertaux vom 3. April 1945)


 
Erarbeitung:
Christina Szentivanyi