Heinrich Manns Henri Quatre
Historischer Roman und Regimekritik

Während des Exils in Frankreich verfasst und veröffentlicht der Autor einen zweiteiligen Roman zum Leben und Wirken des bis heute in Frankreich populären Königs Henri IV. Der erste Band trägt den Titel Die Jugend des Königs Henri Quatre (1935), der zweite Band ist betitelt Die Vollendung des Königs Henri Quatre (1938).


Zentrales Thema des Romans ist die in der Figur des Königs verkörperte klassenübergreifend verbindende Humanität. Dieser versteht sich selbst nicht als totalitärer Herrscher, sondern als moderner, maßvoller und reflektierter Vertreter der Interessen seines Volkes, wobei er gerade auch verfolgten Gruppierungen wie den Hugenotten Rechnung trägt. Diese beiden Formen von Herrschaft werden einander dichotomisch strukturiert gegenübergestellt.

Die Biographie des französischen Königs Henri IV. – gerade in den Deutungen Voltaires und Michelets – bildet die Grundlage des vom Autor selbst als historischem Roman titulierten Textes, dieser ist jedoch nicht auf diese Ebene zu beschränken.

Henri Quatre ist darüber hinaus sowohl als utopischer Gegenentwurf zum sowie teils als Schlüsselroman der Strukturen des nationalsozialistischen Regimes zu lesen. Er ist eine differenzierte Auseinandersetzung mit verschiedenen Moral- und Ethikvorstellungen.

 

Linksorientierte Rezeption des Henri Quatre

Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger und Hermann Kesten würdigten die Bände als Meisterwerke antifaschistischer Literatur. Die Parallelen zwischen einzelnen Romanfiguren und NS-Funktionären wurden beispielhaft von dem überzeugten Sozialisten und Theoretiker Georg Lukácz aufgezeigt. Dieser vertrat die Ansicht, dass Mann in den Aktivitäten, Strategien und der Mentalität der katholischen Liga so etwas wie ‚einen historischen Prototyp der SA’ entworfen habe, wobei der Führer der Gruppierung sowie der fanatische Priester Boucher von ihm als Darstellungen Hitlers sowie Goebbels’ gelesen wurden. Zentral in der Analyse Lukácz’ ist jedoch wiederum die im Roman propagierte „Utopie einer großen menschlichen Gemeinschaft für ’Freiheit, Vernunft und Menschlichkeit’“.
Unstrittig bleiben Erfolg und Qualität der im französischen Exil veröffentlichten Texte, welche auch als Huldigung des Gastlandes, seiner Geschichte und Kultur, welche in den Augen Manns Gleichschaltungsbestrebungen entgegenstehen, zu lesen sind.

 
Erarbeitung:
Christina Szentivanyi