Lidice – Ein szenischer Roman (1943) „Lidice [...] hat die einzig
richtige Art, wie Greuel behandelt sein wollen: grotesk. [...] Nur der
Anlass gehört dem Augenblick. Die Art ihn zu behandeln, hebt den
Gegenstand aus der Zeit. Für das Buch ist es weder zu spät noch
zu früh“
Historische Aktualität Die Nachricht über das Blutbad von
Lidice, welches Gestapo-Truppen in der Nacht vom 9./10. Juni 1942 in dem
tschechischen Dorf anrichteten, ging durch die Weltpresse. Nach dem am
27. Mai erfolgten Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von
Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich wollten die Nationalsozialisten
dieses rächen. Im Zuge des Überfalls wurden alle männlichen
Mitglieder der Gemeinde erschossen, alle Frauen in Konzentrationslager
deportiert und die Kinder zu SS-Familien nach Deutschland verschleppt.
Tschechisches Interesse Es gab bereits vor dem Erscheinen Bemühungen
um eine tschechische Übersetzung sowie um einen Teilabdruck in der
tschechisch-sprachigen Tageszeitung New Yorské Listy.
Auch Piscator äußerte Interesse Szenen des Romans im Rahmen
einer antifaschistischen Protestveranstaltung am Hunter College, New York
aufzuführen, dieses Projekt scheiterte jedoch an Zeitmangel.
Das ursprüngliche Projekt Der Arbeitstitel ’Protektor’
verweist – neben zahlreichen Artikeln des Autors – auf dessen
extensive Beschäftigung mit der Besetzung der von ihm hochgeschätzten
und idealisierten Tschechoslowakei und speziell mit dem Verhältnis
von Besatzern und Besetzten vor dem angesprochenen Attentat und dem ihm
folgenden Massaker.
Macht als Maske In der Analyse Heinrich Manns beruht die
Fähigkeit der Nationalsozialisten die Massen zu befehligen auf ihrer
entindividualisierenden Annahme eines Gestus’ der Macht. Diese Anpassung
führt eine Aufgabe positiver Identität und Selbstbewusstseins
mit sich, welche von nun an nur noch durch Machtausübung und Gräueltaten
scheinbar wiederhergestellt werden können. Diese Triebfeder der Gewalt
ist jedoch gleichzeitig auch die Achillesverse der Täter. Entlarvung
durch Nachahmung – das ’Durchschauen bis in den Bauch –
kann zur erfolgreichen Form des Widerstandes werden, wie der Text am Beispiel
des Heydrich-Doppelgängers Pavel zeigt: Dieser übernimmt zeitweise
die Rolle des Protektors und nutzt in dieser Maske die Propagandamaschinerie
der Nationalsozialisten in deren Duktus für aufklärerische Zwecke.
Heydrich wird schließlich von der Gestapo ermordet. In seinen Überlegungen
zur Beschaffenheit von Macht ist der lange fast vergessene Text auch heute
noch von Interesse. |
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