Lidice – Ein szenischer Roman (1943)

Lidice [...] hat die einzig richtige Art, wie Greuel behandelt sein wollen: grotesk. [...] Nur der Anlass gehört dem Augenblick. Die Art ihn zu behandeln, hebt den Gegenstand aus der Zeit. Für das Buch ist es weder zu spät noch zu früh“
(Heinrich Mann in einem Brief an den Agenten Barthold Fles am 21. März 1945)

 

Historische Aktualität

Die Nachricht über das Blutbad von Lidice, welches Gestapo-Truppen in der Nacht vom 9./10. Juni 1942 in dem tschechischen Dorf anrichteten, ging durch die Weltpresse. Nach dem am 27. Mai erfolgten Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor von Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich wollten die Nationalsozialisten dieses rächen. Im Zuge des Überfalls wurden alle männlichen Mitglieder der Gemeinde erschossen, alle Frauen in Konzentrationslager deportiert und die Kinder zu SS-Familien nach Deutschland verschleppt.
Das Interesse für den Roman Heinrich Manns war vor seinem Erscheinen groß. Der deutschsprachige Druck verzögerte sich aufgrund von El Libro Libre gewünschten Korrekturen, welche auf eine stärkere Polarisierung der dargestellten Figuren und speziell einer Entpsychologisierung und Dämonisierung der Figur Heydrichs hinausliefen. Heinrich Mann kam diesen Wünschen nach.
Der vormals aktuelle und gefragte Stoff wurde im kurzlebigen us-amerikanischen Verlagsgeschäft 1943 jedoch bereits wieder für überholt erachtet, eine Veröffentlichung dort sowie die erhoffte profitable Verfilmung kamen nicht zustande.

 

Tschechisches Interesse

Es gab bereits vor dem Erscheinen Bemühungen um eine tschechische Übersetzung sowie um einen Teilabdruck in der tschechisch-sprachigen Tageszeitung New Yorské Listy. Auch Piscator äußerte Interesse Szenen des Romans im Rahmen einer antifaschistischen Protestveranstaltung am Hunter College, New York aufzuführen, dieses Projekt scheiterte jedoch an Zeitmangel.
Als der Roman schließlich erschien, stieß er einerseits durch seine szenische Form, welche Genregrenzen subvertierte auf Unverständnis sowie andererseits durch seine grostesk-satirische Behandlung des Stoffes auf Unwillen gerade auch in tschechoslowakischen Kreisen.
Aus Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen nahm Heinrich Mann von einer Übersetzung Abstand.

 

Das ursprüngliche Projekt

Der Arbeitstitel ’Protektor’ verweist – neben zahlreichen Artikeln des Autors – auf dessen extensive Beschäftigung mit der Besetzung der von ihm hochgeschätzten und idealisierten Tschechoslowakei und speziell mit dem Verhältnis von Besatzern und Besetzten vor dem angesprochenen Attentat und dem ihm folgenden Massaker.
Der geplante Roman soll die Unrechtmäßigkeit des deutschen Überfalls auf die Tschechoslowakei aufzeigen, welche im Verlauf der Handlung aufgrund zwischenmenschlicher Kontakte ebenfalls für die dort stationierten Soldaten augenfällig wird. Eine wachsende Wertschätzung der Entrechteten sowie eine klassenübergreifende Solidarisierung mit diesen führen zu sich entwickelndem revolutionärem Bewusstsein und schließlich zu Widerstandsbereitschaft gegen die Nationalsozialisten, welche nach Deutschland zurückwirkt.
Die breit angelegte Darstellung erfuhr durch die historischen Ereignisse eine neue Fokussierung.

 

Macht als Maske

In der Analyse Heinrich Manns beruht die Fähigkeit der Nationalsozialisten die Massen zu befehligen auf ihrer entindividualisierenden Annahme eines Gestus’ der Macht. Diese Anpassung führt eine Aufgabe positiver Identität und Selbstbewusstseins mit sich, welche von nun an nur noch durch Machtausübung und Gräueltaten scheinbar wiederhergestellt werden können. Diese Triebfeder der Gewalt ist jedoch gleichzeitig auch die Achillesverse der Täter. Entlarvung durch Nachahmung – das ’Durchschauen bis in den Bauch – kann zur erfolgreichen Form des Widerstandes werden, wie der Text am Beispiel des Heydrich-Doppelgängers Pavel zeigt: Dieser übernimmt zeitweise die Rolle des Protektors und nutzt in dieser Maske die Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten in deren Duktus für aufklärerische Zwecke. Heydrich wird schließlich von der Gestapo ermordet. In seinen Überlegungen zur Beschaffenheit von Macht ist der lange fast vergessene Text auch heute noch von Interesse.

 
Erarbeitung:
Christina Szentivanyi